Bergbauernhof Hoiser: Ökologie und Ökonomie im Einklang

Bergbauernhof Hoiser: Ökologie und Ökonomie im Einklang

Ein Bericht von Beat Rölli, dipl. Biologe und dipl.
Permakultur Designer, Co-Präsident von
Permakultur Schweiz

1996 kauft der junge Frankfurter Bänker Eric Beißwenger in Unterjoch, Allgäu den heruntergekommenen, 8 Hektare grossen Bergbauernhof Hoiser und beginnt diesen nach den Richtlinien des Naturlandbaus und Permakulturprinzipien zu bewirtschaften. Nur 12 Jahre später sind die Gebäude saniert, der Bauer schuldenfrei. Auf dem Hof gedeihen viele alte Tierrassen und 65 Obstbäume. Die Erfolgsgeschichte des Hofes hat dazu geführt, dass der Bauer 2008 eine 40 Hektaren-Alp dazukaufen konnte und viele Bauern in der Region ebenfalls auf Ökolandbau umgestellt haben.
Was ist das Geheimnis des Erfolgs? Nun, Eric Beißwenger lässt die Tiere für sich arbeiten anstatt Maschinen zu kaufen und vermarktet seine Produkte und seinen Hof clever mit Tourismus.

Die Familie Beißwenger haben den Bergbauernhof Hoiser rasant entwickelt. Ab 1997 wurde der Hof ökologisch bewirtschaftet und seit 2000 gehört er dem Naturland-Verband an. Seit 2002 ist es auch ein „Arche-Hof“. Das heißt auf dem Hof leben alte, seltene Haustierrassen und tragen so zum Erhalt der Vielfalt bei. Schon 1985 hat Eric Beißwenger über Permakultur gelesen und wendet Permakultur auf dem Hof in verschiedenen Bereichen an.
Bauer ohne Maschinenpark
Eric Beißwenger hat selbst keinerlei Landwirtschaftsmaschinen. Erstens arbeitet er nicht gern mit Maschinen. Zweitens erspart er sich damit viele Ausgaben, denn Maschinen kaufen und unterhalten sowie die benötigten Einstellhallen kosten viel Geld. Laut Kaspanaze Simma geben im Vorarlberg Bauern im Durchschnitt zu 80% ihrer Bruttoeinnahmen für Maschinen und Gebäude aus. Dies ist ein Hauptgrund, wieso viele Landwirtschaftsbetriebe ohne staatliche Unterstützung nicht existieren können. Vor 80 Jahren lagen diese Kosten bei 15-20% und Landwirtschaft war einträglich auch ohne Staatshilfe. Wenn Eric Beißwenger einen Traktor oder andere große Maschinen braucht, leiht er diese bei Nachbarn oder lässt die Arbeit von Nachbarn machen. Die komplette Heuarbeit, Mist und Gülle ausbringen und Schnee räumen macht ein Nachbar für ihn. Den Nachbar freut’s, weil er einen Zusatzverdienst hat.

Tiere erledigen viel Arbeit für den Bauer – Damhirsche regulieren den Ampfer

Als Eric Beißwenger den Hof übernahm wucherten auf gewissen Parzellen des Hofes der Ampfer massenhaft. Anstatt den Ampfer mechanisch zu bekämpfen, was sehr aufwendig ist, erkundigte sich Eric Beißwenger, welche Tiere diese Pflanzen fressen und wurde mit Damhirschen fündig. Damhirsche lösten nicht nur das Ampfer-Problem, sondern Damhirsche erfordern wenig Arbeit.

Schweine pflügen den Garten und mähen die Wiesen

Sein Garten liegt direkt neben dem Haus an einem leicht abfallenden Südhang. Steinmauern dienen als Wärmespeicher. Dies ist auf 1100 Meter über Meer wichtig. Eric Beißwenger hat seine eigene Methode den Garten zu bestellen. Im Herbst, wenn alles Gemüse geerntet und die Begleitflora reif ist, lässt Beißwenger einige Schwäbisch-Hällische Schweine zwei Wochen in den Garten. Diese Rasse eignet sich nicht nur zum Weiden von Wiesen sondern sie pflügen den Garten und düngen ihn auch. Der Bauer profitiert gleich mehrfach. Die Tiere sind verpflegt. Jäten wird minimiert. Mühsames Umstechen und Schnecken bekämpfen ist nicht notwendig. Kräuter und andere Pflanzen, die erhalten bleiben sollen, schützt er mit einem Zaun. Diese Methode funktioniert auf dem Hoiserhof sehr gut.

Im folgenden Frühling zieht er Setzlinge und pflanzt sie anfangs Mai in den Garten. Gejätet wird sehr wenig, nur so lange, bis das Gemüse einen Vorsprung auf die „Unkräuter“ hat. Die Begleitflora besteht aus Pflanzen die sich selber aussäen: Ringelblumen,  Topinambur,  Beinwell, Tagetes, Kapuzinerkresse uvm.

Haflinger ziehen Pferdekutschen und Schlitten

Die Familie Beißwenger liebt Pferde. So bieten sie ganzjährig Kutsch- und Schlittenfahren mit ihren Haflingern an. Dies bringt 20’000 € Umsatz pro Jahr. Auf dem Hof hat es drei Haflinger, zwei Ponys und drei Pensionspferde.

Hühner heizen das Gewächshaus

Der Hühnerstall ist direkt an das Gewächshaus gebaut, somit heizen die Hühner mit ihrer Abwärme das Gewächshaus. Konkret wird Frost ab März vermieden und das Wachstum der Pflanzen beschleunigt. Das funktioniert gut. Ab März werden im Gewächshaus Setzlinge für den eigenen Garten gezogen.

Naturnahe Bienenhaltung

In den ersten Jahren hielt Eric Beißwenger über 100 Bienenvölker. Dies war eine Möglichkeit in den ersten Jahren Geld zu verdienen. Zurzeit sind es am Hof insgesamt ca.60 Völker. Für die Einwinterung wird Zucker zugefüttert.
Dem Bienenstock entnimmt er nicht nur den Honig, den er in seiner Brotzeitstube verkauft, sondern auch sämtliches Bienenwachs. Dadurch reduziert sich der Befall der gefürchteten Varoa Milbe. Zudem ist Bienenwachs mit Bioqualität für Wachsauflagen sehr gefragt.
Die artenreichen Wiesen tragen zur Gesundheit der Bienenvölker und einem gesunden Naturprodukt bei.

Drohnenmaden als Futter für die Forellen

Der Hoiserhof liegt direkt an der Grenze zu Österreich. Die Fischzuchtanlage ist auf Tiroler Boden, denn dort sind die Auflagen für Fischzucht viel geringer? als im Freistaat Bayern. Ein grosser Teil der Nahrung für die Forellenzucht sind Drohnenmaden aus den eigenen Bienenstöcken. Der Rest der Nahrung ist zugekauftes Fischfutter.

Weitere alte Haustierrassen auf dem Hof

Auf dem Hof werden braune Bergschafe, Schwäbisch-Hällische Schweine und Bayerische Landgänse gezüchtet. Ausserdem gibt es auf dem Hof Bronzeputen Flugenten und Kaninchen. Rund um den Hof stehen Obstbäumen. Sie tragen nicht nur Früchte, sondern schützen die Hühner vor Raubvögeln.

Wie ökonomisch ist der Hoiserhof?

Ferienwohnung und Brotzeitstube gut belegt dank attraktivem Hof
Eric Beißwenger’s Hof hat eine tolle Lage in der touristischen Gegend Unterjoch. Er nutzt dies und die Ressourcen seines Hofes geschickt, um seine Dienstleistungen zu vermarkten. Sein 400 jähriges, im Originalzustand erhaltenes Haus ist sehenswert. Darin hat er drei Ferienwohnungen eingebaut. Diese sind viel besser belegt als bei die durchschnittliche Belegung im Ort und spielen jährlich 40’000€ in die Kasse. Die freundliche und sympathische Art der Familie sowie die vielen alten Tierrassen steigern die Attraktivität und somit die Auslastung der Betten und der Brotzeitstube. Der Umsatz in der Brotzeitstube eine Art Besenbeiz (Gastronmie) mit integrierten Hofladen beläuft sich auf sagenhafte 100’000 € pro Jahr. Hier werden jährlich die verarbeiteten Produkte von 15 Damhirschen, 40 Drei-Zentner Schweinen und 400 Forellen, eine Tonne Honig, drei Tonnen Käse, viel Butter und Milch verkauft. Alle diese Produkte stammen vom eignen Hof respektive der Alp. Brot und Getränke, Kaffee werden zugekauft. Eric Beißwenger beschäftigt Vollzeit eine Angestellte, die sich hauptsächlich um die Brotzeitstube  kümmert.

Nebeneinkommen

Die Einnahmen aus der Landwirtschaft, die nicht über Brotzeitstube vermarktet werden, belaufen sich zusammen mit Hofführungen, Seminaren und Beratungen auf 20’000€. 200 kg Bienenwachs, Ferkel und andere Jungtiere werden als Zuchttiere veräussert. Zudem leben auf dem Hof drei Pensionspferde und über das Internet werden Produkte verkauft. Weiters erhält Bauer Beißwenger staatliche Zuschüsse im Rahmen des Bergbauern- und Kulturlandschaftsprogramms.

Wie ökologisch ist der Hoiserhof?

Ökolandbau hat strenge Auflagen im Bereich von Ökologie. Dazu gehören im Besondern Vorschriften für Nährstoffbilanzen, striktes Verbot für Hybridsaaten und -rassen, restriktive Tierbesatz und vieles mehr. Somit gehört der Hoiserhof auch in diesem Bereich zu den Besten.
Trotzdem wollen wir die beiden Hauptstandbeine des Hofes nämlich Tourismus und Fleischproduktion genauer anschauen, denn weltweit sind beide für riesige ökologische Katastrophen verantwortlich.
Zum Tourismus: Im Falle des Hoiserhofes handelt es sich um sanften Tourismus. Das heißt die Eingriffe in die Natur für den Tourismus sind vergleichsweise klein. Vorhandenes Gebäudevolumen in Ferienwohnungen auszubauen und Schlittenfahrten anbieten sind ökologisch sehr gut vertretbar. Die Ökobilanz bezüglich Tourismus auf dem Hof fällt somit gut aus. Die Ökobilanz der Hofbesucher weniger, denn obwohl die meisten Touristen vorwiegend aus Süddeutschland stammen, legen sie zusammen jährlich abertausenden von Autokilometern zurück, um auf den Hof zu gelangen.
Zu der Fleischproduktion: Die Tiere auf seinem Hof sind glückliche Tiere. Das heißt, sie haben das Glück naturnahe gehalten zu werden. Sie sind viel draußen und können die Nahrung auf Wiesen suchen. Sie haben ausgiebig Bewegung und leben in angemessenen Gruppen. Zudem trägt die Tierhaltung zum Erhalt von seltenen Haustierrassen bei. Dies ist sehr, sehr wichtig und wertvoll für kommende Generationen. (ökologisch Vielfalt, altbewährte angepasste Züchtungen für Extreme, …)
Es ist klar, dass extensive Tierhaltung rentabel betrieben werden kann. Sie liegt im Trend und es gibt Überproduktion. Es ist ebenso klar, dass wir als Gesellschaft zuviel Fleisch essen, was gesundheitlich schädlich ist und viel Land braucht. So wird im Besonderen auch auf Schweizer Biohöfen Soja aus dem Amazonasbecken verfüttert, was ökologisch sehr bedenklich ist. Das Futter für Beißwengers Tiere kommt zu 80% von seinem Hof. Trotzdem wäre es ökologisch wünschenswert, wenn der Hof neben Milch- und Fleischprodukten vermehrt pflanzliche Produkte anbauen und in der Brotzeitstube vermarkten würde.

Was können wir von Erich Beißwenger lernen?

Das Potential des Hofes erkennen und entwickeln. Eric Beißwenger ist gelernter Bänker und ein gewiefter Unternehmer. Er hat das Potential seines Hofes und erkannt und dieses optimal entwickelt. Zudem hat einen sehr vielfältigen Job, der ihm sehr zu gefallen scheint. Er kümmert sich um Tiere, Bienen, Fische. Er bestellt einen großen Garten, macht Führungen und Beratungen, gibt Seminare, ist Gastwirt, Gemeinderat und vieles mehr.
Die größte Wertschöpfung macht Bauer Beißwenger mit Brotgeberei. Besenbeiz mit Hofladen kombinieren ist ein gutes Modell, weil der Umsatz pro Kunde sich somit stark erhöht. Die meisten Kunden der Familien Beißwenger konsumieren nicht nur, sondern sie kaufen auch Produkte zum Mitnehmen ein und einige bestellen später im hofeigenen Onlineshop.
Viele Bauernhöfe in der Schweiz liegen in der Nähe von Dörfern, Städten oder touristischen Gebieten und hätten somit auch die Möglichkeit mit einer cleveren Direktvermarktung gutes Geld zu verdienen.
Es gibt aber auch viele Bergbauern, die leben in einem nicht-touristischen Gebiet und können somit nicht so leicht Produkte und Dienstleistungen direkt verkaufen.
Vermietung von (Ferien)wohnungen lohnt sich im Fall Beißwenger sehr. Viele Bauern dürfen, können oder wollen nicht eine zusätzliche Wohnung bauen. Andere haben das schon längst umgesetzt und erzielen damit ein wertvolles Nebeneinkommen.

Hof als „Gewerbezentrum“ betreiben

Interessant ist, dass Beißwenger Hof nicht einfach ein einzelner Betrieb ist, sondern auf dem Hof werden neben eigentlicher Landwirtschaft verschiedene Gewerbe  namentlich Kutschfahrten, Vermietung, Hofladen, Brotzeistube, Seminare und Vorträge betrieben. Das ist ein hervorragender Ansatz für die wirtschaftliche Entwicklung von ländlichen Gegenden. Wir brauchen viel mehr solche Höfe mit „Gewebezentren“ anstatt diese schrecklichen Industriezonen.

Maschinenpark minimieren und Tiere für uns arbeiten lassen

Konsequente Minimierung von Kosten für Maschinen und Gebäude würden viele Bauern finanziell stark entlasten. Tiere für sich arbeiten lassen lohnt sich, wenn der Einsatz gut gemanagt ist.

Ökolandbau lohnender als konventioneller Landbau

Der Bergbauernhof steht finanziell hervorragend da. 200’000€ Einnahmen pro Jahr sind für einen Bergbauern enorm viel. Das hat auch damit zu tun, dass Erich Beißwenger dank Ökolandbau für seine Produkte einen wesentlich höheren Preis bekommt als Produkte aus dem konventionellen Anbau.
Der Hof zeigt eindrücklich, dass ökologischer Landbau ökologischer und ökonomischer als intensive, konventionelle Landwirtschaft sein kann. Damit empfiehlt sich der ökologische Landbau als bessere Alternative zur verfehlten Industrialisierung der Landwirtschaft. Es ist sehr wertvoll, dass viele BesucherInnen anlässlich von Führungen dies erleben  und begreifen können und somit in der Gesellschaft das Bewusstsein dafür wächst. Auf dem Hof werden Führungen angeboten. Sie beginnen jeweils um 11°° Uhr und dauern ca. 2 Stunden. Das Thema der Führungen ist: „Permakultur in den Alpen und das Wirtschaften mit aussterbenden Haustierarten.“

Ökonomie stützt Ökologie und Soziales

Der Hoiserhof ist schuldenfrei und rentabel. Dies ermöglichte es Bauer Beißwenger 2008 eine Alp zu kaufen. Zudem ist der ehemalige Bänker nicht den Banken ausgeliefert und könnte auch ohne staatliche Zuschüsse überleben. Die gute finanzielle Lage erlaubt es, dass die Familie Beißwenger Angestellten einen fairen Lohn bezahlen kann. Somit nimmt Eric Beißwenger die soziale Verantwortung als Unternehmen wahr. Zudem kann er der Familie einen angenehmen Lebensstandard bieten. Die Famlie Beißwenger kann es sich leisten, einen Archehof mit vielen alten Haustierrassen zu betreiben und ökologische Aufwertungen auf dem Hof zu umzusetzen. Hier rechnet sich der Aufwand nicht direkt. Allerdings tragen diese beiden Aspekte entscheidend zur Attraktivität und somit zum Erfolg der touristischen Vermarktung des Hofes bei. Erfolg inspiriert und findet Nachahmer. 18 von 20 Bauern in Unterjoch betreiben heute Biolandbau. Bevor Beißwenger gab es  einen einzigen Biolandbau-Hof. Der Hoiserhof ist nicht ein isolierter Einzelbetrieb. Im Jahre 2008 bewirtschafteten in Deutschland über 2000 Naturland Betriebe eine Fläche von über 148.000 Hektar.  Dies gibt Anlass zur Hoffnung.

Mehr Infos finden sie unter http://www.hoiser.de, http://www.naturland.de

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