Wiener sollen urbane Gemüsegärtner werden

Wiener sollen urbane Gemüsegärtner werden
Neue Stadtregierung plant Offensive bei innerstädtischen Ernteflächen

(Quelle: http://www.wienerzeitung.at/ Ausgabe vom Samstag, 20. November 2010, Redaktion Christian Mayr)

Was 2005 anlässlich des „Gedankenjahres“ der Republik mit 60 temporären Gemüsebeeten vor der Hofburg begonnen hat, soll nun in ganz Wien gefördert und institutionalisiert werden. Die rot-grüne Stadtregierung will nämlich in jedem Bezirk einen sogenannten „Grätzelgarten“ etablieren – denn „gemeinsames ,Garteln‘ fördert auch soziale Beziehungen und Nachbarschaftskontakte“, wie es im Regierungsprogramm heißt.

Tatsächlich steckt die Idee von Gemüsebeeten im dichtverbauten Gebiet in Wien noch in den Kinderschuhen: In den USA ist „City Farming“ spätestens seit Michelle Obamas Gemüsegarten vor dem Weißen Haus ein großer Trend. Auch in Berlin und London ist selbstgezüchtetes Gemüse auf öffentlichen Flächen längst keine Sache von Öko-Freaks mehr. Dabei war Wien, bedingt durch die Not der Nachkriegsjahre, bei den urbanen Beeten einst sogar Vorreiter – der Begriff „Grabeland“ ist freilich nur noch wenigen bekannt.

In der Praxis sollen sich Interessierte künftig in Wien an die Bezirksvertretungen beziehungsweise ans Stadtgartenamt wenden, um die Möglichkeiten von neuen Grätzelgärten auszuloten: „Es soll dann Hilfe bei der Grundstückssuche geben, Tipps beim Anlegen sowie Einzäunen – und auch eine kleine finanzielle Starthilfe“, erklärt der grüne Umweltsprecher Rüdiger Maresch. Nachsatz: „Die Gemüsepflanzen und die weitere Betreuung sind dann aber allein Sache der jeweiligen Gärtner.“

Als weiteres Zuckerl soll das Stadtgartenamt gratis Bio-Erde anliefern, damit die Tomaten, Kürbisse und Erdäpfel auch prächtig gedeihen können. Die genaue Höhe der Förderungen ist noch nicht festgelegt – und wird wohl von der Größe der Gärten abhängen: „Wir schauen uns das von Fall zu Fall an“, sagt Anita Voraberger, Sprecherin im SPÖ-Umweltressort und selber seit Jahren im Nachbarschaftsgarten Heigerleinstraße (Ottakring) engagiert.

Kooperation mit Schule und Kindergarten

Dieses Projekt sei ein großer Erfolg, bereits 21 Familien sowie eine Volksschule und ein Kindergarten würden zu Spaten und Gießkanne greifen. „Die sozialen Kontakte haben sich intensiviert. Wir sehen das auch als Integrationsprojekt – das Miteinander steht im Vordergrund“, so Voraberger. Die größte Herausforderung für die weiteren Gärten werde nun sein, Flächen im öffentlichen Bereich – etwa in Parks – zu finden. „Denn es soll ja niemandem etwas weggenommen werden.“

Maresch sieht die urbanen Erntefelder auch als klimafreundliche Alternative zu den Selbsternteflächen am Stadtrand: „Es ist nicht optimal, dass die Leute mit dem Auto so weit fahren, um Gemüse anzupflanzen – wenn es in der Stadt auch möglich ist.“

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