Schlagwort-Archive: Richtlinie 2008/62/EG

Saatgut: Umsetzung der EU-Erhaltungssortenrichtlinie privatisiert freie Sorten

Saatgut:  Umsetzung der EU-Erhaltungssortenrichtlinie privatisiert freie Sorten

Ein Bericht von Florian Walter, Bergbauer in Pöls und Erhalter zahlreicher Sorten

Saatguttauschmärkte könnten bald der Vergangenheit angehören, die Jagd auf exklusive Rechte von attraktiven Erhaltungssorten hat begonnen
Saatguttauschmärkte könnten bald der Vergangenheit angehören, die Jagd auf exklusive Rechte von attraktiven Erhaltungssorten hat begonnen

Kommt die Umsetzung der „Erhaltungssortenrichtlinie“ so wie sie das Österreichische „Lebensministerium“ bereits verordnet hat, droht ein Kahlschlag im Sortenhandbuch der Arche Noah! Auch Saatguttauschmärkte könnten bald der Vergangenheit angehören. Die Jagd auf exklusive Rechte von attraktiven Erhaltungssorten hat schon begonnen! Bereits seit Jänner 2010 können Sorten in einem beschleunigten und vereinfachten Zulassungsverfahren als Erhaltungssorten, bzw. als Amateursorten zur Anmeldung gebracht werden. Das wurde bei einer offiziellen Infoveranstaltung des Ministeriums vorletzte Woche bekannt gegeben, die ich besucht habe. Es sind bereits 70 Sorten im Zulassungsverfahren, darunter so bekannte wie „Green Zebra“, „Gelbe Dattelweintomate“ und „Roter Augsburger“!

Im Juni 2008 hat die EU-Kommission die Richtlinie 2008/62/EG erlassen. Sie regelt die Zulassung von Landsorten und seltenen Sorten, die von genetischer Erosion bedroht sind und bis jetzt noch nicht registriert waren sowie das „Inverkehrbringen“ dieser Sorten. Bei einer Informationsveranstaltung des Lebensministeriums wurden nun die Durchführungsbestimmungen für Österreich vorgestellt. Die anwesenden ErhalterInnen von seltenen und bedrohten Sorten reagierten entsetzt: „Unsere schlimmsten Befürchtungen wurden übertroffen“, so Florian Walter, Bergbauer in Pöls und Erhalter zahlreicher Sorten. „Dies ist das Aus für die so beliebten Pflanzentauschmärkte! Das mühsam aufgebaute Netzwerk von ErhalterInnen in Österreich wird mit diesen Regelungen in Frage gestellt.“

70 Sorten sind bereits im Zulassungsverfahren, darunter so bekannte wie "Green Zebra", "Gelbe Dattelweintomate" und "Roter Augsburger"
70 Sorten sind bereits im Zulassungsverfahren, darunter so bekannte wie "Green Zebra", "Gelbe Dattelweintomate" und "Roter Augsburger"

Bisher waren Erhaltungssorten freie Sorten, die genutzt, vermehrt und weitergegeben werden durften. Nach Inkrafttreten der Umsetzungsbestimmungen können diese Sorten in einem – im Vergleich zum regulären Zulassungsverfahren – vereinfachten und billigeren Verfahren zugelassen werden. Bis jetzt gab es diese Möglichkeit nicht. Sobald jedoch eine Sorte als Erhaltungssorte zugelassen ist, darf sie nur mehr von den jeweiligen Zulassungsinhabern vermehrt und verkauft werden. Die Sorte, die bisher allen frei zu Verfügung stand, wird somit privatisiert.

Genau dieser Punkt löst Empörung auf Seiten der ErhalterInnen aus. „Diese traditionellen und seltenen Sorten werden seit Jahren von zahlreichen Bauern und Bäuerinnen sowie GärtnerInnen vermehrt, betreut und züchterisch verbessert. Nun sollen wir sie nicht mehr verkaufen, ja nicht einmal mehr tauschen dürfen! Für uns ErhalterInnen bedeutet das ein ständiges Leben in Ungewissheit, ob nicht morgen auch die geschätzte und gehütete Lieblingssorte privatisiert ist und nicht mehr weitergegeben werden darf. Wer wird sich dann noch die Mühe machen Sorten zu erhalten und weiter zu entwickeln?“ so Walter entrüstet. Derzeit befinden sich in Österreich fast 70 Gemüsesorten im Zulassungsverfahren, darunter so bekannte und beliebte Sorten wie die Tomaten „Green Zebra“ und „Auriga“ oder der Paprika „Roter Augsburger“. EU-weit sind bereits 100 Sorten zugelassen. Sobald ein EU-Mitgliedsland eine Region als „Ursprungsregion“ einer gewissen Sorte anerkennt, darf diese nur mehr in dieser Region angebaut werden. Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Mitgliedsstaaten sind damit vorprogrammiert. Zusätzlich gelten strenge Mengenbeschränkungen.

„Die EU-Kommission hat vorgegeben, durch die Erhaltungssortenrichtlinie die Bewahrung und Weiterentwicklung von traditionellen und seltenen Sorten erleichtern zu wollen. Das Gegenteil ist der Fall! Die Richtlinie und insbesondere auch ihre Umsetzung in Österreich machen die Arbeit der ErhalterInnen zunichte. Im Internationalen UN-Vertrag über Pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft (ITPGR-FA) ist das bäuerliche Recht, Samen aus eigener Ernte zu gewinnen, zu tauschen und zu vermarkten, festgeschrieben. Dieser Vertrag wurde von der EU und allen Mitgliedsstaaten unterzeichnet. Durch die Erhaltungssortenrichtlinie wird dieses Recht verletzt. „Die Umsetzung der Saatgutrichtlinie legalisiert die Biopiraterie: Pflanzensorten, die über Jahrhunderte von unzähligen Generationen von Bäuerinnen und Bauern gezüchtet wurden, sollen nun zum Eigentum einzelner Zulassungsinhaber werden. Seltene Sorten, die zynisch als „Liebhabersorte ohne ökonomischen Nutzen“ bezeichnet werden, sind durch das teure Zulassungsverfahren und die restriktiven Anbaubestimmungen vom Aussterben bedroht.

Die Erhaltungssortenrichtlinie ist ein EU-Gesetz und wird wie folgt in Österreich umgesetzt werden:

In Zukunft ist der Handel und das Tauschen von Saatgut verboten. Reproduktion ist nur noch für privaten gebrau erlaubt.
In Zukunft ist der Handel und das Tauschen von Saatgut verboten. Reproduktion ist nur noch für privaten Gebrauch erlaubt.

Zusätzlich zum regulären Zulassungsverfahren (Kosten € 2943.-) gibt es jetzt die Zulassung als Erhaltungssorte (Kosten € 243.-). EU weit sind derzeit bereits 100 Sorten zugelassen, in Österreich sind fast 70 Gemüsesorten im Zulassungsverfahren. Die Sorte kann als Erhaltungssorte, eine traditionelle Sorte, bei strikter Anbaubeschränkung auf eine Region oder als Liebhabersorte bei Neuzüchtung, Abgabe nur Kleinstpackungen, zugelassen werden, jedoch niemals aber als Beides. Im Zweifel hat der schnellere die Zulassung. Wenn die Ursprungsregion einer Sorte in mehreren Ländern liegt, müssen sich „die betroffenen Länder bemühen in einem bilateralen Prozeß Einvernehmen herzustellen. Arche Noah und die Firma Reinsaat haben bereits einige Sorten aus dem Sortenhandbuch ins Zulassungsverfahren gebracht, so zum Beispiel die bekannten Sorten: Roter Augsburger, Auriga, Gelbe Dattelwein, Black Plum, sowie berühmte Sorte Green Zebra, die der Züchter eigentlich der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt hat. Ist eine Sorte zugelassen, gelten die Regeln für Nachbausaatgut!

In Österreich gibt es laut Ministerium noch keine Nachbaugebühren, aber ein Inverkehrbringen von Saatgut ist verboten. Als „Inverkehrbringen“ gilt der Verkauf, aber auch das „Anbieten von Nachbausaatgut“, das „Vorrätighalten zum Verkauf“ (abgefülltes Samensackerl), sowie „Tausch“, erlaubt ist nur die Verwendung zum eigenen Gebrauch. Einzige Ausnahme ist die Abgabe zu „nachweislich züchterischem Zweck“, oder zu Ausstellungszwecken. Die erlaubte Abgabemenge pro Sorte!!!! (nicht pro Züchter ) liegt hier bei bei Gemüse nur 0,2kg, sowie bei bei Getreide nur 2kg. Zum Vergleich: Die erlaubte Abgabemenge von nicht zugelassenen Getreidesorten liegt bei immerhin max. bei 200kg.

Seltene Sorten, die zynisch als „Liebhabersorte ohne ökonomischen Nutzen“ bezeichnet werden, sind durch das teure Zulassungsverfahren und die restriktiven Anbaubestimmungen vom Aussterben bedroht.
Seltene Sorten, die zynisch als „Liebhabersorte ohne ökonomischen Nutzen“ bezeichnet werden, sind durch das teure Zulassungsverfahren und die restriktiven Anbaubestimmungen vom Aussterben bedroht.

Es gibt die Möglichkeit, daß sich pro Sorte mehrere Erhaltungszüchter eintragen lassen (Kosten 110.-) die erlaubte Anbaumenge wird dann „proportional zugeteilt“. Die EU muß regelmäßig informiert werden, auf keinen Fall dürfen die maximalen Mengenbeschränkungen überschritten werden. Es haben sich bis heute keine Schlupflöcher aufgetan. Selbst wenn sich Arche Noah als weiterer Erhaltungszüchter registrieren ließe (Kosten!!!), dürfte nur Arche Noah das Saatgut anbieten, nicht aber die unzähligen ErhalterInnen aus dem Netzwerk.

Meinem Aufschrei, daß jede registrierte Sorte privatisiert, und für das ErhalterInnenetzwerk verloren sei, wurde vom Podium nicht widersprochen. Für unser Sortenhandbuch heißt das, daß sukzessive die attraktivsten Sorten verschwinden werden. Für uns ErhalterInnen heißt das zusätzlich ein ständiges Leben in Ungewissheit, ob nicht morgen auch die geschätzte und gehütete Lieblingssorte privatisiert ist und nicht mehr weitergegeben werden darf. Wer wird sich dann noch die Mühe machen Sorten zu erhalten und weiterzuentwicken?

Gerne kann dieser Text für ein Protestschreiben an Ministerialrat Zach vom Lebensministerium genutzt werden, in Kopie bitte an uns.

Rückfragen an: Florian Walter, 03579/8037 oder 0664/4165649;

Werbeanzeigen